By

Eines der populärsten Bücher des ZEN ist wohl von Shunryu Suzuki Roshi “Zen-Geist, Anfänger-Geist“. 

Grundsätzlich behandelt das Buch die gesamte Praxis des ZEN, angefangen von der richtigen Sitzposition über die Handhaltung, den Atem bis hin zum langen Sitzen auf dem Kissen. Und wie ein Fluss streift Suzuki dabei die tiefen Erkenntnisse des Buddhismus und liefert unglaublich schöne Bilder, die die Lehre verdeutlichen und dem Leser anschaulich vermitteln. Von der ersten Seite an fällt der etwas andere Sprachstil des Buches auf, doch bei genauerer Betrachtung ist das, was man vermeintlich als holpernde Sprache identifiziert und den japanisch-kulturellen Einflüssen zuschreibt, nichts anderes als ein Präzisionswerkzeug.

Shunryu Suzuki

Shunryu Suzuki

Shunryu Suzuki beeinflusste ab 1958 maßgeblich die ZEN Bewegung in Amerika, insbesondere in San Franciso mit seinem ZEN Zentrum. Unter seinen Schülern befanden sich namhafte Größen wie Steve Jobs – namhaft natürlich nur in weltlicher Hinsicht. Später gründete Suzuki Roshi noch das erste ZEN Kloster außerhalb Aisens, das Tassajara Mountain Kloster. Die ihm zugrunde liegende Richtung war die Soto-ZEN des Eihei-ji Klosters in Japan, ein Kloster, das wir auch von Kodo Sawaki kennen, das größte ZEN Kloster Japans.

In Deutschland kennen wir Shunryu Suzuki hauptsächlich wegen des hier besprochenen Buches. Doch was ist so besonders an diesem Zen-Klassiker, wie man den Text mittlerweile getrost bezeichnen kann? Besonders für jemanden, der neu in der Welt des Buddhismus unterwegs ist, sind es wohl die präzisen Erklärungen zu vermeintlich einfachen Dingen wie dem Mudra, der Bauchatmung oder zu Sprichworten wie “Wenn du den Buddha siehst, töte ihn”. Es ist die Einfachheit der Erklärungen, die Simplizität – das Einfache an sich, das in unserem Leben oft so weit verloren und mit vielem alltäglichen Gedanknmüll, Aufgaben, Terminen übertüncht wurde.

Gerade wenn man anfängt zu meditieren neigt man dazu, vieles zu verkomplizieren und gesellschaftliche Automatismen, die man sich über die Jahre antrainiert hat, unbewusst in die Meditation zu übertragen. Viele werden es kennen, dass man sich schnell in einem Wettlauf um die Erleuchtung befindet und wie stolz man bald ist, wenn man sich länger als einen Wimpernschlag konzentrieren kann. Die Kompetition hat den Übenden bald wieder am Wickel und so eifert man zwar nicht mehr einem Karriereziel hinterher, hat aber den gleichen Mechanismus, das “Ich muss dieses oder jenes erreichen”, unbewusst mitgenommen. Bald lässt die Motivation nach, vielleicht kann man sich besser konzentrieren aber auf dem Weg zur Erleuchtung ist man sich selbst im Wege gestanden. Suzuki hilft einem genau an diesem Punkt mit westlichen Beispielen die Reduktion des Soto ZEN zu verstehen.

Es ist nicht so, dass satori unwichtig wäre, aber es ist nicht der Teil von ZEN, der betont werden sollte

Shunryu Suzuki

 

Auch für jemanden, der schon eine Zeit lang Zazen übt, ist diese Aussage auf den ersten Blick etwas befremdlich. Warum sonst sollte man Stunde um Stunde sitzen und üben, sich zu konzentrieren wenn nicht wegen der Erleuchtung, wegen des satori, des erhellenden Moments? Für mich macht das ein Bild Suzukis am Ende des Buches klar und bis heute ist das eines der stärksten buddhistischen Beschreibungen dessen, was man Auslöschen der Getrenntheit nennen könnte. In diesem Bild beschreibt der Meister seine Eindrücke, wie er einen 410 Meter hohen Wasserfall im Yosemite Nationalpark sah und wie die Gischt an der Spitze des Wasserfalls das Wasser trennte und Millionen kleiner Wassertropfen hinabstürzten. Wenn man sich in den kleinen Wassertropfen hineinversetzt, wird einem klar, wie viel Angst der kleine Tropfen vor dem Aufprall haben muss. Das Gefühl der Angst besteht aber nur, weil sich der Tropfen getrennt von dem Wasser sieht, weil er sich als separierte Entität fühlt. Könnte er sehen, dass er nichts anderes als Wasser ist und wenn er unten ankommt zu dem wird, was er schon ist, nämlich Wasser, dann bräuchte der kleine Tropfen keine Angst vor dem Aufprall zu haben. Sobald man diesen Gedankengang verinnerlicht, sieht man, dass es im Grunde überhaupt kein Problem gibt – Probleme entstehen zumeist aus dem Gefühl der Getrenntheit, des “Auf-sich-selbst-gestellt-Seins”.

Eihei-ji Kloster

Soto ZEN Kloster Eihei-ji in Japan.

“Zazen practice is the direct expression of our true nature. Strictly speaking, for a human being, there is no other practice than this practice; there is no other way of life than this way of life.” Was sich einfach gelesen als sehr elitär darstellt, erhält mit dem Bild des Wasserfalls erst Bedeutung. Der Mensch, der sich hinsetzt und jegliche Dualität vergessen kann, der sich nicht separiert sondern als Teil des Ganzen sehen kann, der sein Bewusstsein auf das Bewusstsein legt und sich nicht mit dem identifiziert, was einem dauernd durch den Kopf geht, benötigt keine große Erleuchtung mehr, der trachtet nicht nach satori.

Vielleicht ist “Zen-Geist, Anfänger-Geist” das ideale Buch für diejenigen, die schon ein wenig in ZEN oder den Buddhismus generell hinein geschnuppert haben und nun tiefer verstehen möchten, worum es den Menschen geht, die in schwarzen Roben auf schwarzen Kissen sitzen.

 

 

Autor

 

Kommentiere das